Peter Haimerl . Architektur, München mit
Balda Architekten, Fürstenfeldbruck / Hoffmannarchitekt, München
WOGENO München, Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen, München
Fachplanende
Tragwerksplanung: a.k.a. ingenieure / Beck Hintermann v. Kamele Beratende Ingenieure, München
Elektro: Ingenieurbüro v. Törne, München
Haustechnik: Ingenieur Consult ddk, München
Bauphysik: ig-bauphysik, Hohenbrunn
Brandschutz: BSSP, München
Innenarchitektur: Peter Haimerl . Architektur, München
Landschaftsplanung: Uniola, München
2023
München
Sechseckige Betonmodule
Wohnen auf der Schräge
Finalist DAM Preis 2025
Großer DAI-Preis für Baukultur 2024
Die Schrankwand? Muss zurückbleiben. Die Sofalandschaft? Verschenken. Die Regalmeter? Auf ein Minimum reduzieren. Wer in das Wabenhaus im Münchner Stadtteil Messestadt Riem zieht, muss bereit sein, bisherige Einrichtungsgepflogenheiten über den Haufen zu werfen. Denn die 22 Wohnungen bestehen aus wabenförmigen Betonmodulen, und das bedeutet: kaum senkrechte Flächen, stattdessen Wände, die vom Boden und der Decke im 36 Grad-Winkel aufeinander zulaufen. Wie sich solche Räume dennoch raffiniert-sinnvoll bewohnen lassen, dazu später.
Zunächst ein Blick auf die Gesamterscheinung des Hauses, zu der man wissen muss, dass – von wenigen Ausnahmen abgesehen – das relativ junge Stadtquartier auf dem ehemaligen Flughafenareal ziemlich eintönig daherkommt. Der Schwarzplan weist pragmatisch angeordnete Bauten auf, da macht auch das Wabenhaus keinen Unterschied. Der Spaziergang durchs Viertel bestätigt den Eindruck auch zunächst. Bis man dann auf dem kleinen Platz an seinem westlichen Rand steht und staunt: Da steht ein Haus, dessen Geometrie an die japanischen Metabolisten erinnert, wie man es aber in einem durchschnittlichen deutschen Wohngebiet keinesfalls erwartet. Vier Etagen hoch sind die flachgedrückten Wabenmodule übereinander gestapelt, zur Straße und zum grünen Gartenhof abgeschlossen durch angenehm große Loggien. Und sofort ist man neugierig, möchte unbedingt das Innere des Hauses kennenlernen.
Hinein gelangt man durch einen seitlichen Eingang und steht am Fuß einer schmalen Himmelsleiter. Die klettert man hinauf – Gegenverkehr führt unweigerlich zu Kommunikation – wechselt an der Kehre die Richtung und gelangt, wenn man sich nochmal dreht, über den dritten kurzen Lauf auf eine kleine Dachterrasse. Die ist wie auch eine Gemeinschaftswohnküche auf halber Höhe des Hauses für alle zugänglich. Der Gemeinschaftsgedanke ist hier wichtig, denn hinter dem Projekt steckt die Genossenschaft WOGENO, die mutig und entschlossen genug war, sich an ein solches Wohnexperiment zu wagen. Trotz der Mehrkosten, womit wir bei der Inneneinrichtung angekommen sind. (Insgesamt bleibt der Quadratmeterpreis von 12,50 Euro für Münchner Verhältnisse aber durchaus überschaubar). Die Möbel wurden von Peter Haimerl und Ulrich Pape maßgeschneidert; anders geht es bei den ungewöhnlichen Raumzuschnitten auch kaum. Das Bett schwebt, die Einbauschränke bieten viel mehr Stauraum, als es auf den ersten Blick erscheint, die Tische sind ausziehbar und ja, es gibt auch hier eine Sofalandschaft. Die besteht aus mehreren Kissenelementen, die je nach Bedarf auf den unterschiedlichen Ebenen der schrägen Wände platziert werden können und ausgesprochen bequem sind.
Was macht nun eine so stark definierte Wohnung mit denen, die dort leben? In erster Linie verschafft sie ein neues Raumgefühl, denn die Winkelwände lassen die Zimmerbreite von vier auf über sechs Meter anwachsen. Auch kleine Waben mit 36 Quadratmetern vermitteln dadurch eine ganz andere Weite und Großzügigkeit, wie eine Mieterin glaubwürdig versichert. Hinzu kommt der Blick durch die – ebenfalls wabenförmigen – bodentiefen Fenster ins Grüne oder auf die (bescheidene) Skyline Münchens. Und in einer der Erdgeschosswohnungen fühlt sich eine andere Mieterin gerade durch den Höhlencharakter „wunderbar geborgen”. Überhaupt sind in diesem Haus trotz der räumlichen Vorgaben viele Spielarten möglich; es gibt Split-Level-Einheiten, eine Cluster-WG aus elf Waben rund um ein gemeinschaftliches Wohnzimmer mit Küche, Ein- bis Vierzimmerwohnungen – keine gleicht der anderen.
So unkonventionell die Räume, so klassisch ist die Massivbauweise mit Stahlbeton. Wenn auch Peter Haimerl inzwischen über Alternativen wie Hybridkonstruktionen mit Betonrippen und Lehmausfachungen oder Holzbau nachdenkt, für den Prototyp der Wabe hat sich der bekennende Betonfan für diesen Baustoff entschieden. Die Decken bestehen aus Ortbeton, die winkligen Wände aus Halbfertigteilen. Außen zeichnet sich das Wabenmuster als schlanke Betonstruktur ab. Drinnen überzeugt die Sichtbetonoptik; ein Bewohner hebt das Unregelmäßige der unverputzten Flächen als besonders ästhetisch hervor. Die Oberflächen werden als „lebendig“ empfunden. Und „Bayerns bester Architekt", wie ihn ein Filmbeitrag des Bayerischen Rundfunks betitelt, sagt zur Materialwahl: „Beton ist das wohl anpassungsfähigste Material. Für den Wohnbau ist es nicht zuletzt aus Schall- und Brandschutzgründen ideal. Und jetzt wird Beton technologisch weitergeführt, um bald auch den Ansprüchen an Nachhaltigkeit gerecht zu werden."
Bildnachweis: Edward Beierle, München
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